Credo Dorothee Sölle (aus: Meditationen & Gebrauchstexte, Berlin 1969)

Ich glaube an gott

der die welt nicht fertig geschaffen hat

wie ein ding das immer so bleiben muss

der nicht nach ewigen gesetzen regiert

die unabänderlich gelten

nicht nach natürlichen ordnungen

von armen und reichen

sachverständigen und uninformierten

herrschenden und ausgelieferten

ich glaube an gott

der den widerspruch des lebendigen will

und die veränderung aller zustände

durch unsere arbeit

durch unsere politik

 

Ich glaube an jesus christus

der recht hatte als er

„ein einzelner der nichts machen kann“

genau wie wir

an der veränderung aller zustände arbeitete

und darüber zugrunde ging

an ihm messend erkenne ich

wie unsere intelligenz verkrüppelt

unsere fantasie erstickt

unsere anstrengung vertan ist

weil wir nicht leben wie er lebte

jeden tag habe ich angst

dass er umsonst gestorben ist

weil er in unseren kirchen verscharrt ist

weil wir seine revolution verraten haben

in gehorsam und angst

vor den behörden

 

 

ich glaube an jesus christus

der aufersteht in unser leben

dass wir frei werden

von vorurteilen und anmaßung

von angst und hass

und seine revolution weitertreiben

auf sein reich hin

 

Ich glaube an den geist

der mit jesus in die welt gekommen ist

an die gemeinschaft aller völker

und unsere verantwortung für das

was aus unserer erde wird

ein tal voll jammer hunger und gewalt

oder die stadt gottes

ich glaube an den gerechten frieden

der herstellbar ist

an die möglichkeit eines sinnvollen lebens

für alle menschen

an die zukunft dieser welt gottes

amen